Eine aquaristische Reise nach Indien

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Eine aquaristische Reise nach Indien

Abb 1 Indien Europa

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Indien, meine zweite Heimat, das Land der Vielfalt und für Reisende (zumindest beim ersten Besuch) das Land der Verwirrungen, Geheimnisse und der Reizüberflutung. Bevölkerungsmäßig das zweitgrößte Land der Erde, stellt Indien für viele immernoch einen Mythos dar, dessen Bild hier in Deutschland von Bollywood, Slumdog Millionaire und negativen Schlagzeilen der letzten Jahre stark verzerrt ist. Man könnte so vieles über dieses riesige Land, welches eigentlich einen eigenen Kontinent darstellt, schreiben. Ich möchte mich heute auf einen Aspekt beschränken, der uns alle hier vereint: Das aquaristische Indien. Obwohl über 400 Jahre von den Briten regiert und dadurch in Europa scheinbar bestens bekannt, ist Indien hinsichtlich seiner vielfältigen Fischfauna noch relativ wenig erforscht.

Ein Blick auf diese, mithilfe von www.thetruesize.com erstellte, Grafik (Abb1) zeigt, dass Indien wirklich riesig ist und tatsächlich einen Kontinent darstellt, wobei die einzelnen Bundesstaaten wie separate Länder mit jeweils eigener Kultur und Sprache betrachtet werden können.

Abb 2 Indien Flüsse

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Abb 12 Gangesdelta

Abb3

So ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass wir hier unzählige verschiedene Biotope mit ganz bestimmten Bewohnern vorfinden. Das ganze Land ist, wie auf der Karte (Abb2/3) von Flüssen durchzogen, die größtenteils vom Himalaya kommend von Nordwesten nach Südosten fließen und dort ins Meer münden. Von kleinen, schattigen Flüsschen, wie beispielsweise dem Beas River in Punjab im Nordwesten, über das gigantische und fruchtbare Gangesdelta im Osten, bis hin zu den an der Südwestküste gelegenen Lagunensystemen der Kerala Backwaters bieten sich hier die unterschiedlichsten Gewässertypen.

Ein großes Problem stellt hierbei, wie fast überall, die Umweltverschmutzung (Abb4) durch Überbevölkerung und dementsprechend viel Landwirtschaft, dar. Aber es gibt auch reichlich Nationalparks und Naturreservate, wie zum Beispiel die Seenplatte Daroji Kere im südlichen, zentral gelegenen Bundesstaat Karnataka (Abb5).

Abb3 Ganges Verschmutzung

Abb4

Abb 15 Daroji Kere

Abb5

Beginnen wir unsere Reise im Nordosten des Landes, an den Füßen des Himalaya. Hier herrscht ein relativ kühles, vom Monsunregen geprägtes Klima. In den vielen kleinen Gebirgsbächen finden wir hauptsächlich zwei Gruppen von Fischen, die in der Aquaristik gerade in den letzten Jahren erst „im Kommen“ sind:

abb 11 Dario Dario

Abb6

Abb 10 Channa andrao

Abb7

Die Blaubarsche mit den Gattungen Badis und Dario (Abb6) und die Schlangenkopffische der Gattung Channa (Abb7).

Durch besonders strenge Einreisevorschriften ist dieser Teil Indiens, der fast durch Bangladesh vom Rest des Landes getrennt ist, weitestgehend noch unberührt und touristisch kaum erschlossen, sodass sich hier auch viele Nationalparks und Reservate befinden.

 

Abb 14 Reisfeld

Abb9

Abb 4 Wassergräben

Abb8

Anders sieht es im mittleren Landesteil aus, wo der Mensch durch die Landwirtschaft, hauptsächlich den Anbau von Reis mittels Bewässerungssystemen (Abb 8, Abb 9) die Natur stark verändert hat. Angepasst an diese Gegebenheiten, kommen hier zwei der bekanntesten Zierfische und „aquaristische Exportschlager“ vor, die sich – ursprünglich auch aus der nördlichen Ganges-Ebene stammend – auf dem gesamten indischen Subkontinent ausgebreitet haben:

Der Zebrabärbling Danio rerio(Abb10) und der Zwergfadenfisch Trichogaster lalius, besser bekannt unter seinem alten Namen Colisa lalia, welcher aus der ostindischen Sprache Bengali stammt und soviel wie „kleiner roter Fisch“ bedeutet (lal kalisha).

Abb 9 Danio rerio

Abb10

Auf letzteren wollen wir nun einen genaueren Blick werfen, ebenso auf den nah verwandten Honig-Gurami Trichogaster (Colisa) chuna (Abb11). Beide Arten findet man häufig und in unzähligen Zuchtformen für kleines Geld in nahezu jedem Zoogeschäft.

Trotzdem, oder gerade deswegen, wollte ich unbedingt Wildfänge und auch die Naturform dieser beiden interessanten Labyrinthfische pflegen und vermehren.

So kam der Besuch eines Freundes meines Vaters, der als Biologie-Professor an der Delhi University arbeitet, im September 2015 mehr als gelegen. Er brachte mir von beiden Arten jeweils drei Pärchen mit.

Abb 12

Abb12

Abb21 T.chuna

Abb11

Die T.chuna stammten aus einem Seitenarm des Ganges im Bundesstaat Bihar in Nordost-Indien, ihrem natürlichen Verbreitungsgebiet. Die T.lalius (Abb12) aus der bereits vorhin erwähten Seenplatte Daroji Kere im zentralen Südindien, wo sie – wohl aufgrund ihrer Verwendung als Speisefisch – eingeführt wurden.

Dass diese Tiere aus wärmeren und stehenden Gewässern kommen, zeigte sich deutlich an ihrer recht bulligen Gestalt im Vergleich zu Artgenossen aus dem natürlichen Habitat, den Fließgewässern weiter nördlich (Abb13).

Abb 15 Daroji Kere

Abb13

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Abb14

Beide Arten bekamen ein 54er-Becken zusammen mit Fischen aus dem gleichen Habitat.

Bei T.chuna waren das 2.4 Dario dario, bei T.lalius entschied ich mich für ein Trio der ebenfalls aus Süd-Indien stammenden Roten Spitzschwanz-Makropoden Pseudosphromenus dayi (Abb14), die ebenfalls als Zierfische noch recht selten anzutreffen sind und bis vor einigen Jahren für Prachtguramis (Parosphromenus) gehalten wurden.

 

Die Becken habe ich entsprechend der Biotope mit wenig Strömung, dichter Bepflanzung und Schwimmpflanzendecke gestaltet und zusätzlich für die Dario dario kleine Blumentöpfe als Höhlen am Boden und für die P.dayi schwimmende Höhlen in Form von schwarzen Filmdosen bereitgestellt. Da fast alle Gewässer in Indien Klarwasser führen, war die Befüllung problemlos mit Bonner Leitungswasser mit pH 6,8, durch Zugabe von Eichenlaub und Torf-Filterung auf 6,5 gedrückt, machbar.

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Abb15

Abb25

Abb16

Nach kurzer Eingewöhnungszeit begann ich durch mehrmalige kalte Wasserwechsel (20°C) den Monsunregen zu simulieren, was bei beiden Trichogaster-Arten schon bald, wie in der Natur, die Paarung auslöste. Die Männchen begannen damit, Schaumnester zu bauen. Während T.lalius ein flächenmäßig kleines, aber dafür sehr hohes Nest (Abb15) baute, nahm T.chuna hierfür fast die ganze Oberfläche des Aquariums in Anspruch und hielt das Nest eher niedrig (Abb16).

Es folgten einige regelrechte Hetzjagden der Männchen auf die Weibchen, deren Abschluss dann die für Labyrinther typische, eng umschlunge Paarung und Eiablage folgte. Die Larven (Abb17+18) schwammen nach etwa zehn Tagen frei und ich konnte einige separieren und gezielt mit Microwürmchen füttern.

Abb26

Abb17

Abb27

Abb18

Bei T.chuna war ich damit allerdings leider zu spät und die Dario dario hatten sich über so viel Lebendfutter gefreut. Alles in allem konnte ich hier sehr schön beobachten, dass Wildformen oftmals mit den bunten Fischen, die wir aus dem Handel scheinbar in-und auswendig kennen, nicht viel gemein haben und, dass es sich durchaus lohnt, auch mal „0815-Fische“ näher zu betrachten und davon Wildfänge zu pflegen, es müssen nicht immer seltene und schwierige Bettas sein!

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Abb19

Insgesamt ist die Fischwelt Indiens noch sehr wenig erforscht und gerade jetzt, wo durch steigenden Wohlstand die Aquaristik auch als Hobby in der Bevölkerung ankommt, beginnen die Inder damit, ihre eigene, vielfältige Fischfauna neu zu entdecken und auch neu zu beschreiben, was sich vor allem anhand der großen Gruppe endemischer Barben zeigt.

Ein gutes Beispiel hierfür ist Pethia narayani (Abb19), wo man dies am Namen sieht. Von vielen Fischen, die auf verschiedene Weise über den gesamten indischen Subkontinent verbreitet wurden, ist das ursprüngliche Verbreitungsgebiet garnicht bekannt.

Abb 18 Endemisch

Abb20

Lebensraumzerstörung und strenger werdende Gesetze werden die aquaristische Ergründung Indiens vermutlich in den nächsten Jahren stark einschränken, sodass man sich am besten jetzt überlegen sollte, diesem Land mal einen Besuch abzustatten! Die Schautafel einiger endemischer Arten (Abb20) zeigt, dass Indien für Aquarianer auf jeden Fall einen Besuch wert ist!

– Gastbeitrag von Max Gurbir Singh Kaiser

Seine Facebookgruppe – Aquaristik mit Leidenschaft und Verstand.

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